Rezension: Unter Haien von Nele Neuhaus


"Unter Haien" ist das erste Werk, das ich von Nele Neuhaus gelesen habe. Der Thriller erinnert stark an John Grishams "Die Firma", kann mit diesem jedoch nicht annähernd mithalten. 

Alex Sontheim gehört an der New Yorker Wallstreet zu den Besten im Bereich der Firmenfusionen. Sie nimmt bei Vincent Levys Investment Firma einen neuen Job an und hat auch dort auf Anhieb Erfolg. Dadurch steigt nicht nur ihr berufliches Renommee sondern sie erklimmt auch in der sozialen Hierarchie der Weltmetropole New York neue Höhen. Durch ihre Bekanntschaft mit dem Geschäftsmann Sergio Vitali, der zu den angesehensten und wohlhabendsten Männern New Yorks gehört, kommt sie ihrem Ziel, zur High Society der Stadt zu gehören, sehr nahe. Vitali macht ihr den Hof, begehrt sie. Sie fühlt sich geschmeichelt und lässt sich auf eine Affäre ein. Die Warnungen mehrere Bekannter - darunter auch Bürgermeister Nikolas Kostidis - dass Vitali Verbindungen zur Mafia hat, schlägt Alex in den Wind. Sie ist zu beschäftigt, ihr neues Leben zu geniessen. Doch auf einer Party bei Sergio erkennt sie das wahre Gesicht ihres Liebhabers.

"Action und Spannung like Grisham zu seinen besten Zeiten", steht im Klappentext. Das schürt doch ziemlich hohe Erwartungen, wenn man Werke wie "Die Firma" von Grisham gelesen hat. Der Plot weist dann auch viele Ähnlichkeiten mit Grishams erfolgreichstem Werk auf. Die Mafia besitzt eine Firma, die ohne das Wissen der meisten Mitarbeiter Geld wäscht und in alle möglichen kriminellen Machenschaften verstrickt ist. Eine junge, aufstrebende Mitarbeiterin gerät unwissentlich in die Sache hinein, erkennt den Schlamassel und will bei der Aufklärung helfen. So weit so gut. Das Problem ist jedoch, dass Neuhaus weder beim Plot, noch bei den Charakteren und schon gar nicht beim Schreibstil mit einem Kaliber wie Grisham mithalten kann.


Plumpe und unrealistische Charaktere ohne Tiefgang
Der Plot ist doch ziemlich übertrieben. Die Idee mit dem Netz von bestechlichen Politikern, Anwälten und Beamten mag ja noch halbwegs zu überzeugen, aber gegen Ende hat man als Leser das Gefühl, dass praktisch jeder einzelne Beamte von New York von Sergio Vitali bestochen wurde. Da wäre weniger deutlich mehr gewesen.
Jedoch noch deutlich schlimmer als der Plot sind die Charaktere. Es ist völlig unrealistisch, dass eine junge Frau wie Alex Sontheim, die zufällig bildhübsch, blond, sehr intelligent, furchtlos, mutig, äusserst erfolgreich und perfekt durchtrainiert ist, es allein mit dem Verbrecherkartell rund um Sergio Vitali aufnehmen und es praktisch im Alleingang zerstören kann, ohne irgendwelche Erfahrung oder Ausbildung auf diesem Gebiet genossen zu haben. Auch viele andere Charaktere wirken plump und haben kaum Tiefgang. Neuhaus hat praktisch alle gängigen Stereotypen vom korrupten Politiker über den bestechlichen Polizisten, zum prinzipientreuen und für Gerechtigkeit kämpfenden Politiker bis hin zum ungepflegten, sozial eher inkompetenten Computerfreak und dem idealistischen Journalisten breitgeschlagen.

Schmalz und inhaltslose Floskeln
Das alles wäre ja noch zu ertragen, wenn die Geschichte wenigstens spannend erzählt würde. Ansatzweise gelingt dies Neuhaus und es gibt wirklich gelungene Passagen. Doch immer genau dann, wenn man als Leser so langsam in Fahrt kommt, folgt eine Textstelle, die jegliche Authentizität und Glaubwürdigkeit nimmt. Mal sind es die Wortwahl und die Sätze, die überhaupt nicht zu den Figuren passen, dann ist es der für einen Thriller unsägliche Schmalz, der bei Alex Sontheims Gedanken und ihrer Liebe zu Nikolas Kostidis immer wieder durchdrückt. Zudem hat es auch immer wieder völlig überflüssige Nebenstorys und Schauplätze, die keinen Einfluss auf die Geschichte haben und das Lesen doch teilweise sehr mühsam machen. Was jedoch am meisten nervt, sind die unendlich vielen inhaltslosen Floskeln und die sich ständig wiederholenden Beschreibungen, wie beispielsweise, dass Sergio Vitalis Augen wie Eis sind.

Alles in allem ist das Werk ein Pageturner für eher anspruchslose Thrillerfans, die über teilweise gravierende Mängel hinweg blicken können. Für Leser, die sich ein Niveau von Grisham, Ludlum oder Dan Brown gewohnt sind, dürfte Nele Neuhaus "Unter Haien" nicht die erste Wahl sein. Aufgerundete drei Punkte. (fba)

Bibliografische Angaben:

Titel: Unter Haien
Autor: Nele Neuhaus
Seiten: 672
Verlag: Ullstein
Erschienen:
ISBN-10: 3548284795
ISBN-13: 978-3548284798
Bewertung: 

1 Kommentare :

Kurt Bahm hat gesagt…

Vielen Dank für diese Rezension ! Endlich schreibt mal jemand eine kanllharte und treffende Kritik zu diesem Roman. Dies ist richtig wohltuend nach der unqualifizierten Lobhudelei, die man im Netz findet. Ich dachte schon, ich sei der einzige, dem dieses Buch nicht gefällt, um es vorsichtig auszudrücken. Schon auf den ersten Seiten begann ich mich zu ärgern: Die junge Dame ist also 35 Jahre alt, hat schon 12 Jahre „Wall Street Erfahrung“, zuvor studiert in Deutschland und in England. Hat sie Abitur mit 12 gemacht ? Gut, könnte man noch als künstlerische Freiheit abtun. Weiter geht es damit, dass die Dame wohl auch noch in Kampfkunst ausgebildet ist, denn schließlich schlägt sie auf den Stufen des Metropolitan Museums zwei ausgewachsene Kriminelle zusammen. Welch ein Zufall, das bedauernswerte Opfer ist (außer dem Leser) natürlich eine weltberühmte Opernsängerin. So verwundert es auch nicht mehr, dass die Dame außergewöhnlich schön und außerdem eine Granate im Bett ist. Kein Wunder, dass sich die mächtigsten Männer New Yorks in sie verlieben.
Ganz schlimm ist aber die Konstruktion des Romans als solche: Man nehme eine Stadtkarte zur Hand, zähle die Locations auf, die jeder New York (besser Manhattan) Tourist kennt, wie Central Park, Battery Park, Fifth Avenue, Schifffahrt Circle Line usw. auf). Dann klaue man sich aus Hollywood sämtliche Klischees der Mafia-Filme und rühre das Ganze zu einem literarischen Brei zusammen. Das literarische (es fällt mir schwer, das Wort überhaupt zu benutzen) Niveau ist irgendwo zwischen billigen Kurzgeschichten in Hausfrauenzeitungen, Groschenromanen und der Bildzeitung (Sorry, liebe Bildzeitung) anzusiedeln.
Es ist mir ein Rätsel, warum sich die Autorin im Vorwort darüber wundert, dass kein Verlag bereit war, diese Farce von einem Roman zu drucken. Ein noch größeres Rätsel ist, warum es der Verlag es doch noch getan hat. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Verlag im Zuge des Erfolgs von anderen Romanen der Autorin gedacht hat, er könne jetzt auch dieses Buch erfolgreich vermarkten.
Hat offensichtlich funktioniert, ich Trottel habe es ja gekauft. Nach einem Drittel des Buches habe ich es in den Müll geworfen und bereue jede Seite, die ich gelesen habe. Kurt Bahm

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