Inhaltsangabe: Die Struktur ausländischer Nachrichten von Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge

Die Inhaltsangabe basiert auf der englischen Originalstudie "The structure of foreign news", die im März 1965 im Journal of Peace Research erschienen ist.  

Inhalt
Die beiden Forscher Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge haben in vier norwegischen Zeitungen (eine konservative und eine radikale mit je einer seriöseren Morgenausgabe und einer eher boulevardesken Nachmittagsausgabe) die Kongo, die Kuba und die Zypern-Krise untersucht. Eine der Grundprämissen ihrer Untersuchung ist die Erkenntnis, dass es stets zwei Level der menschlichen Organisation gibt: inter-personal und international. Diese beiden Level sind jedoch miteinander verknüpft und gerade die Massenmedien tragen einen grossen Teil dazu bei, wie auf der internationalen und damit auch auf der inter-personalen Ebene die Weltanschauung konstruiert wird.
Galtung und Ruge haben ein einfaches Modell entwickelt, wie die Entwicklung vom Weltereignis zum persönlichen Bild dieses Ereignisses abläuft. Das Ganze nennen sie "chain of news communication" und diese Kette läuft wie folgt ab: Aus allen Ereignissen auf dieser Welt wählen die Massenmedien diejenigen aus, über die sie berichten wollen. Daraus entsteht das Bild der Massenmedien auf die Welt. Dieses wird von den Rezipienten konsumiert, wobei auch diese aussuchen, was sie konsumieren möchten. Das, was sie konsumieren, stellt dann das persönliche Bild des Rezipienten dar.

Die beiden Forscher haben sich in ihrer Arbeit auf einen Schritt konzentriert und zwar auf denjenigen der Auswahl der Massenmedien. Für ihre Theorie dieser Selektion verwenden sie eine Metapher und diese funktioniert folgendermassen: Alle Ereignisse auf dieser Welt sind ein Geräusch – also Schallwellen, die von einer Sendestation ausgestrahlt werden. Alle diese Sendestationen senden gleichzeitig, was zu einem grossen Chaos führt und aus diesem Grund muss ausgewählt werden, damit bestimmte Sendungen vollständig angehört und verstanden werden. Doch wie funktioniert diese Selektion? Dafür haben Galtung und Ruge 12 Faktoren - sogenannte Nachrichtenwerte -  evaluiert:

Kulturunabhängige Nachrichtenwerte:
  1. Frequenz/Aktualität: Je genauer der zeitliche Ablauf eines Ereignisses mit dem Publikationsrhythmus des Mediums korreliert, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Berichte darüber veröffentlicht werden.
  2. Schwellenwert: Die Grenze der Auffälligkeit, die ein Ereignis überschreiten muss, um publiziert zu werden.
  3. Eindeutigkeit: Je einfacher und klarer ein Ereignis ist, desto grösser ist die Chance, dass darüber berichtet wird. Interpretationsspielraum und Unsicherheiten sind nicht erwünscht.
  4. Wichtigkeit: Je grösser die Bedeutung eines Ereignisses für die Konsumenten des jeweiligen Mediums ist, umso eher wird es veröffentlicht. Dabei spielen der Ethnozentrismus und die kulturelle Nähe eine wichtige Rolle.
  5. Übereinstimmung: Je mehr ein Ereignis mit den Erwartungen des Konsumenten übereinstimmt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Berichte darüber veröffentlicht werden.
  6. Unerwartetes: Je überraschender ein Ereignis ist, desto eher wird darüber berichtet.
  7. Kontinuität: Ein Ereignis, das den Medien bereits bekannt ist, hat grössere Chancen, erneut in die Berichterstattung aufgenommen zu werden.
  8. Zusammenstellung: Der Schwellenwert für ein Ereignis ist kleiner, wenn dieses dazu beiträgt, dass die Gesamterscheinung des Mediums ausgewogener wirkt. Wenn also ein untervertretenes Thema zur Auswahl steht, ist der Schwellenwert dafür geringer als für ein Thema, das bereits mehrfach vertreten ist.

Kulturabhängige Nachrichtenwerte: 
  1. Elite-Nation: Wenn ein Ereignis einen Bezug zu einer bedeutenden Nation aufweist, wird es eher publiziert.
  2. Elite-Person: Wenn ein Ereignis einen Bezug zu einer bedeutenden Person aufweist, wird eher darüber berichtet.
  3. Personalisierung: Je enger ein Ereignis mit einer Person in Verbindung gebracht werden kann, umso eher wird es veröffentlicht. Dies, weil man sich mit Personen einfacher identifizieren kann als mit Strukturen. Personen handeln zudem schneller, was der Frequenz des Mediums entspricht.
  4. Negativität: Je negativer ein Ereignis ist, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass darüber berichtet wird. Negativ ist unerwartet und passiert schneller (ein Haus zu bauen, dauert länger als es zerstören). Zudem sind negative Ereignisse auch einfacher zu interpretieren.

Basierend auf diesen zwölf Nachrichtenwerten haben Galtung und Ruge drei Hypothesen entwickelt. Die Additionshypothese besagt, dass je mehr Nachrichtenwerte ein Ereignis in sich vereint, die Chance steigt, dass darüber berichtet wird. Die Komplementaritätshypothese hält fest, dass ein Ereignis, das einen tiefen oder fehlenden Nachrichtenwert hat, diesen Mangel durch die starke Präsenz eines anderen Nachrichtenwerts kompensieren kann und dadurch in der Berichterstattung trotzdem Aufnahme findet. Bei der Ausschlusshypothese wird ein Ereignis, das nur wenige oder gar keine Nachrichtenwerte aufweist, ausgeschlossen und entsprechend nicht publiziert.

Daten:
Der Grund, weshalb die vier einleitend genannten Zeitungen verwendet wurden, liegt darin, dass ein Ereignis, das in allen vier Zeitungsausgaben zu finden ist, sehr relevant sein muss. Für die Analyse haben Galtung und Ruge verschiedene Kategorien erarbeitet. Formal wurde unterschieden zwischen Berichten und allen anderen Formen der Berichterstattung (Interviews, Portraits, Reportagen...). Inhaltlich haben die beiden fünf Kategorien evaluiert: Nation, Person, Perspektive, Fokus, Bewertung (positiv, negativ).
Mit ihrer Untersuchung konnten die beiden Forscher zeigen, dass ihre Hypothesen und Nachrichtenwerte auch in der Praxis zur Anwendung kommen. Zudem beanspruchen sie für ihre Erkenntnisse eine allgemeingültige Repräsentativität, da beinahe 90% aller untersuchten Artikel von weltweit operierenden Nachrichtenagenturen verfasst und nicht von den norwegischen Zeitungsredaktoren geschrieben wurden.

Ratschläge an Journalisten:
Galtung und Ruge formulieren abschliessend Ratschläge an die Journalisten, damit die Weltanschauung ausgewogener wird und nicht mehr so stark von den Nachrichtenwerten abhängig ist:
  • Sie sollen mehr Hintergrundgeschichten recherchieren.
  • Sie sollen komplexere Themen angehen.
  • Sie sollen auch über einfache Leute berichten.
  • Sie sollen auch über kulturell weit entfernte Regionen berichten.
  • Sie sollen mit Stereotypen brechen.
  • Sie sollen follow-up Geschichten schreiben.
  • Sie sollen nicht nur über Elite-Personen und Elite-Nationen schreiben.
  • Sie sollen über positive Events schreiben. 

(fba)

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